Grundsatzdebatte um den Doping-Begriff
2. September 2008 | Von smo | Kategorie: 07 News über uns, 08 Literatur, Besonders empfohlenSport-Transparency - Für den Sauberen Sport e.V. sieht sich als Plattform und Gesprächspartner insbesondere auch für neue Denkansätze in der Doping-Diskussion. Einen solchen vertreiben Matthias Heitmann und Stefan Chatrath, zuletzt im Buch “Wer macht den Sport kaputt”, und nun auch in Ausgabe 96 des Magazin “NOVO” (www.novo-magazin.de), in der Heitmann und Chatrath in dem Beitrag “Debatte: Doping” mit und gegen Sport-Transparency Vorstandsmitglied Steffen Moritz argumentieren.
Der Artikel ist in 4 Teile geteilt, zunächst beschreibt Steffen Moritz das Dilemma des Spitzensports zwischen Dopingkampf und Glaubwürdigkeitskrise. Moritz erklärt das lückenhafte und leicht auszutricksende aktuelle Anti-Doping-System des Sports und wie die Verbände der Öffentlichkeit dopingfreien Sport vorgaukeln. Er beschreibt die rechtlich grenzwertigen repressiven Maßnahmen des Sports, Doping einzudemmen; vor allem die Whereabout-Regel, die eingeschränkten Persönlichkeitsrechte und die Berufsverbote für Profi-Sportler. Moritz geht weiter darauf ein, wie die Offiziellen des Sports mit positiv getesteten Athleten umgehen und wie diese als Einzeltäter dargestellt werden. “Ob in ihrem Sport gedopt wird oder nicht, scheint vielen Verantwortlichen gleichgültig, solange nur das öffentliche Image “sauber” erscheint”, schreibt Moritz. Dann geht er auf die Veränderungen der vergangene Jahre ein, die verstärkte Sensibilität für das Thema Doping der Medien, Zuschauer und Sponsoren: “Stückchenweise weicht also die Illusion des dopingfreien Sports seiner Realität. Das bringt ganz neue Schwierigkeiten, denn das reale Bild des Sports ist eine Fratze”, schreibt Moritz und erklärt die öffentliche Wahrnehmung von Spitzensport als Dopingsport, in dem jegliche Topleistung in Frage gestellt wird und seine Glaubwürdigkeit verliert.
Heitmann und Chatrath stoßen sich am Dopingbegriff selbst und an der Ethik und Moral, die Doping im System Sport definiert. Ihr Wunsch ist eine rationale Debatte um Leistungssteigerung und derern Mittel und Methoden - erlaubt oder als “Doping” bezeichnet. Steffen Moritz: “Meine Mitautoren sind Gegner der Doping-Gegener, ich denke sie würden einer Freigabe jeglicher leistungssteigernder Mittel zustimmen.” Die beiden Redakteure des NOVO-Magazins antworten im zweiten Teil des Beitrags auf den ersten Teil von Steffen Moritz.
Darin zeigen Heitmann und Chatrath nochmals auf, dass auf dem Sport der Druck lastet, für die Gesellschaft Sinn stiftend zu sein, und dass von Sportlern verlangt wird, Vorbilder zu sein. Wie Moritz erklären sie die Grenzwertigkeit einiger repressiver Maßnahmen des Sports gegen die Sportler, die die Gesellschaft im Sinne eines “sauberen” Sports wohl als akzeptbel erachtet.
Dann kommen Heitmann und Chatrath zum Kern Ihrer Kritik: Sie bemängeln die Tatsache, dass es keine klare Definition von Doping gibt, sondern lediglich eine willkürliche Liste von verbotenen Mitteln, deren Nachweis dann Doping ist. Heitmann und Chatrath bemängeln außerdem scheinbare Wiedersprüchlichkeiten der Doping-Regeln, die für viele nicht mehr nachvollziehbar seien.
In seiner Antwort auf den Beitrag von Heitmann und Chatrath erklärt Steffen Moritz, dass Doping und Sport untrennbar zusammen gehören, und wie es zu Doping-Regeln kommt: “Damit aus Leistungsvergleich Sport wird, braucht er Normen und Regeln - auch dafür, welche Mittel und Methoden zur Leistungserzeugung verwendet werden dürfen. Doping bezeichnet das Übertreten dieser Regeln. Doping existiert, weil es in der Natur des Sport liegt, für den Leistungszwecke an die Grenzen dieser Regeln zu gehen und darüber hinaus. Die Regeln und Normen basieren auf ethischen Grundsätzen der jeweiligen Gesellschaft, die sie hervorbringt.” Wie die Grenze von erlaubten und verbotenen definiert wird, ist laut Moritz dann eine streitbare Sache.
Dann geht Moritz noch auf die Frage ein, warum gegen Dopingregeln verstoßen wird, und vor allem, wie mit Verstößen umgegangen wird. Er kritisiert insbesondere die zwiespältige Rolle der Sportverbände. Moritz betont das kollektiv von Spitzensport, Wirtschaft, Politik, Medien und Publikum erzeugte Phänomen Doping. Schließlich verlangt er von den Verbänden, einen konstruktiven und rationalen Dialog zwischnen diesen Gesellschaftsteilen anzuführen: “Gemeinsam sollte versucht werden, durch Einsatz von Transparenz, Aufklärung, Offenheit und Ehrlichkeit das wahre ungeschönte Bild des modernen Dopingsports öffentlich zu zeigen, die Glaubwürdigkeit wieder zu gewinnen und dann gemeinsam die Vision des dopingarmen, ehrlichen, humanistischen - sprich “sauberen” - Sports anzustreben.
Im vierten Teil des NOVO-Artikels haben Heitmann und Chatrath das Schlusswort der Debatte. Sie nutzen es, um nochmals die fehlende Doping-Definition zu kritisieren. Dann vermuten sie, dass es den meisten Antidoping-Aktivisten nicht darum gehe, Regelverstöße zu ahnden, sondern das Leistungsstreben ganz grundsätzlich als Problem darzustellen. Sie glauben, dass nicht ein Nachbessern der Doping-Regeln helfe, sondern fordern ein grundsätliches Überdenken des Dopingbegriffs. Konkrete Vorschläge zur praktischen Umsetzung dieser Forderung fehlen.
Heitmann und Chatrath geben zu, dass Doping durch ethische und moralische Grundsätze einer Gesellschaft definiert wird, fragen sich, wo die jeweilige Grenze zwischen “ethisch” und “unethisch” liegt. Anschließend gehen Moritz Mitautoren darauf ein, das Sport per se nicht fair sei, weil kein Sportler die selben Voraussetzungen habe, wie ein anderer und das Sport grundsätzlich nicht natürliches sei, weil menschliche Leistung nicht natürlich sei.
Zum Abschluss fordern Heitmann und Chatrath, wie Moritz, eine offene und ehrliche Dopingdebatte und eine Änderung des Dopingbegriffs: “Der entscheidende Durchbruch wird hingegen nur gelingen, wenn in der Öffentlichkeit die Einsicht reift, dass der rein ethisch definierte Dopingbegriff selbst, sowie der auf dem Sport lastende moralische Druck einer offenen und sachlichen Debatte im Wege steht.”
Steffen Moritz kommentiert den vierten Teil der Debatte: “Heitmann und Chatrath kritisieren die bestehende Dopingdefinition über die WADA-Liste, ohne einen alternativen Vorschlag zu machen. Ich frage die Mitautoren, wie sonst, wenn nicht auf Basis ethischer und moralischer Grundsätze sollten Regeln zur Erzeugung von Leistung im Sport definiert werden. Sport ohne Ethik und Moral wäre kein Sport; daher wird es solange es Sport gibt auch Doping geben. Es wird Zeit, dass dies alle am Sport Beteiligten endlich eingestehen und damit aufhören, die Öffentlichkeit mit der Illusion des dopingfreien Sports an der Nase herum zu führen.”
Der ganze Artikel zum Nachlesen in NOVOargumente, Heft 96. http://novo-magazin.de/
Der ganze Artikel ist nun nachzulesen bei Matthias Heitmann:
http://www.heitmann-klartext.de/klartext/index.php?id=215