Sport-Transparency auf dem 4. Anti-Doping-Forum der Martens-Rechtsanwälte in Berlin
25. November 2009 | Von smo | Kategorie: 01 Nachrichten, 07 News über uns, Besonders empfohlen
Auf Einladung der ‘Martens Rechtsanwälte’ nahmen die Vorstandsmitglieder Steffen Moritz und André Pantel am Berliner Anti-Doping-Forum teil.
Die renommierte Tagung im Forum des ‚Stilwerk‘ fand am 24. November 2009 bereits in vierter Auflage statt. Der Titel „Ein Kampf gegen Windmühlen? Die Realitäten im Doping und die Position der großen Player im Sportbusiness“ lockte ein sowohl auf Referenten-, wie auf auch Zuhörerseite hochkarätig besetztes Teilnehmerfeld in die Hauptstadt.
Prof. Perikles Simon, Abteilungsleiter für Sportmedizin, Prävention und Rehabilitation am Sportwissenschaftlichen Institut der Universität Mainz übte zu Beginn seiner Ausführungen zunächst Kritik an Trainern und Sport-Funktionären.
Jene Personen würden vor dem Doping ihrer Schützlinge entweder die Augen verschließen oder seien schlicht fehlbesetzt, wenn diese nicht wüssten, dass ihre Athleten dopen: „Für mich ist es nicht realistisch, dass ein Bundestrainer nicht weiß, ob sein Athlet dopt oder nicht. Es wäre schlimm, wenn er es nicht wüsste, denn dann wäre er komplett inkompetent. Ein gedopter Athlet kann Umfänge trainieren, die ein nicht gedopter Sportler nicht trainieren kann. Auch Sportmediziner und Funktionäre wissen Bescheid“, so der 36-jährige. Zur Bekämpfung dieser Strukturen sei die konsequente „Ächtung des inkompetenten Umfelds“ wichtiger als die „mediale Ächtung der Gedopten“.
Darüber hinaus forderte er die Einführung des Straftatbestandes „Schwerer Betrug“ für Dopingvergehen. Der unehrliche Athlet müsse in ständiger Furcht vor Enttarnung leben: „Es ist riskant, wenn ich dope“. Die rechtstaatliche Handhabe sollte zudem unbedingt durch eine massive Förderung der Dopinganalytik flankiert werden: „Es darf nicht sein, dass Laien dopen und die Wissenschaft hinterherrennt.“ An den nachhaltigen Erfolg der vielgeforderten Dopingprävention im Nachwuchsbereich glaube Simon - entgegen vieler Experten – jedoch nicht.
Auch David Howman, Generalsekretär der Welt-Anti-Doping Agentur (Wada), will das soziale Umfeld der Athleten enger als bislang üblich in den Fokus der Verfolgung nehmen. Er forderte die zukünftig härtere Bestrafung von Hintermännern: „Athleten sind von vielen Personen umgeben, die auf sie einwirken. Wieso bekommt nur der Sportler in einem Dopingfall eine Strafe? Hier müssen wir etwas machen.“ Insbesondere seien „die sauberen 90 Prozent der Sportler“ zu schützen.
Um dies jedoch in adäquater Manier tun zu können, sei das Budget der Wada von derzeit 25 Millionen US-Dollar in den kommenden Jahren massiv aufzustocken: „Ich weiß nicht wie viel Cristiano Ronaldo verdient, aber vermutlich ist es mehr. Dabei wird Doping als größte Geißel des Sports bezeichnet“, gab sich Howman launig. Zur Finanzierung des Mehrbedarfs schlug der 60 –jährige eine prozentuale Partizipation der Wada an den Fernsehrechtserlösen vor.
Dr. Christoph Bergner, Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium (BMI), lehnte die Forderung Simons nach einem neuen Straftatbestand für Doping ab: „Das ist kein Allheilmittel. Zudem habe ich große Sorge, dass wir damit an anderer Stelle an Schlagkraft im Anti-Doping-Kampf verlieren“. Es ergäben sich außerdem juristische Probleme, deren Lösungen derzeit nicht absehbar wären: „Wie sieht es mit der Berechnung eines etwaigen Vermögensschaden aus?“ Außerdem, so der CDU-Politiker, sei eine strafrechtliche Einmischung des Staates mit der Autonomie des Sports wohl nicht in Einklang zu bringen.
Gleichsam wie Howman forderte Bergner einen Ausbau der Dopingprävention. Diese müsse – anders als bislang praktiziert - „zielgruppengerecht“ erfolgen. Um mit der Prävention jedoch weltweit erfolgreich sein zu können, müsse der Kampf gegen die unerlaubte Leistungssteigerung international koordiniert werden. Man könne keinen Nachwuchssportler in Deutschland verständlich machen, „detaillierten Verpflichtungen“ nachzukommen, wenn diese in einer anderen Region nicht mit vergleichbarer Schärfe ausgeführt werden“.
Herbert Hainer, Vorstandsvorsitzender von Adidas, appellierte in seinem Referat an alle Akteure, die den Sport zu einem der größten Wirtschaftszweige der Welt machten, kritischer mit der eigenen Rolle in Bezug auf die Dopingproblematik umzugehen. Mit den Worten des Berliner Sportsoziologen Eugen König mahnte er: „Die allgemeine Empörung über Doping ist unehrlich“. Hainer plädierte insoweit für eine Dopingdebatte „mit Maß und Ziel“.
Hierzu gehöre auch, dass er einen Generalverdacht, wie manche ihn in Bezug auf den Profisport hätten, nicht teilen könne. Der 55-jährige warb für eine differenzierte Sicht auf die unbestreitbare Gefahr, die dem Sport durch Doping drohe. Als Vorstand einer der populärsten Marken im Sportbusiness sei seine Maxime: „Wir trennen uns von jedem Athleten, der verbotene Mittel nimmt. Wir lassen aber keinen Sportler nur aufgrund von Verdächtigungen fallen, es muss ein gerichtsfestes Urteil gefällt sein.“ Seine Idealvorstellung von Sport sei „kultiviertes Leistungsmessen und keine Dopingmafia“.
Als letzter Redner griff der Sportchef des Westdeutschen Rundfunks (WDR), Steffen Simon, die (Medien-)Kritik Hainers der „unehrlichen Empörung“ auf und setzte sich mit der Fragestellung auseinander, „wie viel Distanz“ ein Sportjournalist bei der Bewertung einer Leistung an den Tag zu legen habe, um „gegen die Nachwelt abgesichert“ zu sein. Widerstreitende Interessen seien hier einerseits der journalistische Auftrag zur kritischen Berichterstattung und das Streben nach hohen Einschaltquoten durch spektakuläre, entsprechend beworbene Sportevents andererseits. Hier habe sich, insbesondere nach dem Tour de France-Ausstieg der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Jahr 2007 eine Menge zum Guten gewandelt: „Die Moral wird schlechter. Dies trifft für unseren Sportjournalismus aber sicher nicht zu“, so der 44–jährige. In der Frage der rechtstaatlichen Sanktion des Dopings redete der Fernsehjournalist mit seinem Plädoyer für eine Verschärfung der strafrechtlichen Normen seinem Namensvetter Prof. Simon das Wort. Deutschland könne sich hier an den neuen österreichischen Gesetzen orientieren.
Angel Heredia, einstiger Dopinghändler und derzeitiger Kronzeuge der US-Justizbehörden, war ebenfalls als Referent angekündigt. Er sollte zum Thema „Doping hautnah, Bericht eines Aussteigers aus der ‚Szene‘“ sprechen. Nach seiner im September 2009 erteilten Zusage war er für die Organisatoren jedoch nicht mehr erreichbar und fehlte ohne Angabe von Gründen.
Das Programm zur Veranstaltung und weitere Informationen über Martens Rechtsanwälte finden Sie hier.